«Denn sie wissen nicht, was sie tun» – Ambri und der James Dean unseres Hockeys
Er wird am 20. Februar 37. Chris DiDomenico gleitet nach wie vor übers Eis, als hätten ihn all die Jahre nicht berührt. Seine Hände sind weich, sein Blick wach, sein Spiel klug. Er weiss, wo der Puck sein wird, bevor er dort ankommt, und er kann mit einem Pass das Spiel öffnen und wenden. Die Statistik, dieses nüchterne Archiv der Wahrheit spricht Klartext: Als produktivster Spieler Ambris trägt er das bunte Ehrengewand der Topskorer (40 Spiele/6 Tore, 25 Assists).
Er gehört nach wie vor zu den besten Spielern der Liga. Von 109 bisher in dieser Saison eingesetzten Ausländern ist er statistisch die Nummer 15. Inzwischen hat er mehr als 500 Partien in der höchsten Liga gespielt und immer dann, wenn es wirklich zählt, war er besser: 0,92 Punkte pro Partie in der Qualifikation, 1,04 in den Playoffs, 2,25 in der Liga-Qualifikation. Der Kanadier ist ein Musterprofi. Er trinkt nicht, er raucht nicht, er rockt nicht neben dem Eis und ist inzwischen auch Familienvater geworden.
Und doch liegt über allem bereits der feine Staub des Abschieds. 13 Jahre nach seinem Debut bei Langnau in der damaligen NLB. Bei allen anderen Spielern mit seinem Talent, seiner Erfahrung und seiner Produktivität bemühen sich die Sportchefs schon im Herbst um eine vorzeitige Verlängerung. Wie kann es sein, dass einer, der diese Saison schon neun Punkte mehr beigesteuert hat als der beste SCB-Skorer um die Fortsetzung seiner Karriere bangen muss?
Chris DiDomenico ist ein Nonkonformist und seine Bewunderer sehen in ihm den einsamen Wolf. Ein schönes Bild. Der Wolf gehört in die spielerische Freiheit, nicht in die taktische Ordnung. Er ist Teil der spielerischen Natur, nicht des Spielsystems. Der Wolf läuft vor dem Rudel, nicht mit dem Rudel. So oft wie kein anderer seines Teams sitzt er zwischen seinen Einsätzen nicht auf der Spielerbank. Er verfolgt das Spiel stehend, auf dem Sprung wie ein Raubtier.
Welch eine Ironie: Er gibt alles, er bewirkt mehr als die meisten Mitspieler und doch reicht es nach wie vor nicht. Nicht für einen neuen Vertrag, nicht für ein klares Bekenntnis. Ausgerechnet bei dem Klub, der so gut zu ihm passt wie kein anderer. Ambri zögert. Zu alt. Zu speziell. Zu eigenwillig. Zu sehr er selbst. Freundlich im Ton, korrekt im Umgang, aber innerlich unabhängig. Einer, der sich nicht verbiegt, um dazuzugehören. Einer der Aufmerksamkeit auf sich zieht, ohne sie zu suchen. Zu viel Persönlichkeit in einer Welt, in der die Trainer Systeme und Schablonen lieben und verlässliche Zahnräder einer Maschine von Jean Tinguely vorziehen.
Chris DiDomenico ist im Spätherbst seiner Karriere in Ambri sozusagen der James Dean unseres Hockeys. Die Parallele zu dieser zeitlosen Filmikone von Freiheit und Nonkonformismus ist natürlich nicht nur, aber schon ein wenig aus Bosheit gewählt. Der deutsche Titel seines berühmtesten Filmes heisst:
Und das passt wunderbar zu Ambris Sportabteilung. Nach dem Rücktritt von Paolo Duca wird sie bis zum 1. Juni vom neuen Sportchef Lars Weibel am Hosentelefon gemanagt.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Amtsantritt von «Hosentelefon-Sportchef» Lars Weibel ist der Vertrag mit Daniele Grassi (32) um sage und schreibe vier Jahre bis 2030 verlängert worden. Der Captain ist inzwischen verletzungsanfällig und langsam geworden. Er hat diese Saison in 19 Partien gerade mal 5 Punkte beigesteuert und in der vergangenen Spielzeit 10. Vier weitere Jahre lang ist nun ein schöner sechsstelliger Betrag im Salärbudget für einen Saurier blockiert, der keinen spielerischen Mehrwert bringt, seine Zukunft längst hinter sich hat und den nicht einmal mehr bei einem Klub aus der Swiss League einen Vertrag bekommen würde. Ein Vierjahresvertrag bei Ambri, dessen Management bei jeder Gelegenheit über finanzielle Probleme klagt.
Aber eben: Daniele Grassi ist halt einer von Ambri. «Denn sie wissen nicht, was sie tun.»
Chris DiDomenico beklagt sich nicht. Der Kanadier sagt sowieso nie viel. Er wirkt in Gespräch scheu, fast verlegen und sagt zu seiner Situation einfach: «We'll see.» Er werde einfach weiterhin produzieren. Tore und Assists. Würde er notfalls seine Karriere in der Swiss League ausklingen lassen? Schliesslich hat ja alles damals vor mehr als einem Jahrzehnt in Langnau in der zweithöchsten Liga begonnen. «We'll see.» Sein Agent Derek McCann hat inzwischen die Runde bei den Schweizer Klubs gemacht und nur Absagen bekommen. Selbst ambitionierte SL-Klubs winken ab.
Vielleicht ist es genau das, was bleibt: dieses offene «We'll see.» Mehr stille Würde als Gleichgültigkeit. «DiDo» wird weiter übers Eis gleiten, als hätte die Zeit einen Umweg genommen. Wird Pässe spielen, die an einem guten Abend ein wenig an Wayne Gretzky mahnen. Solange einer das Spiel noch lesen kann wie ein Gedicht und es nicht bloss auswendig aufsagt, ist noch nicht alles verloren.
Vielleicht nicht für ihn. Und vielleicht – mit etwas Glück, Einsicht oder Zufall – auch nicht für jene, die gerade dabei sind, ihn zu übersehen. Für jene, die nicht wissen, was sie tun.
PS: Der Chronist hat einen neutralen Experten befragt, ob der Vertrag mit Chris DiDomenico in Ambri verlängert werden sollte. Hier das Video:
